Arzneimittelfälschung: Tötungsabsicht ist kaum nachzuweisen

News von anwalt.org, veröffentlicht am 11. Dezember 2017

Essen Ein Apotheker aus Bottrop soll Tausenden von Krebspatienten gepanschte oder wirkungslose Arzneimittel gegeben haben. Seit Mitte November steht er nun vor Gericht. Die Anwälte der Nebenklage, die die geschädigten Patienten vertreten, werfen ihm „Tötungsabsichten bis zum Mordversuch“ vor. Doch diesen Vorwurf nachzuweisen, erweist sich juristisch als schwierig.

Der Erfolg einer Chemotherapie ist Wahrscheinlichkeit, keine Gewissheit

Einem Apotheker wird Arzneimittelfälschung mit Tötungsabsicht vorgeworfen.

Einem Apotheker wird Arzneimittelfälschung mit Tötungsabsicht vorgeworfen.

Die Staatsanwaltschaft ist vom Vorwurf der Tötungsabsicht abgerückt. Grund dafür ist das Gutachten von Prof. Dr. Martin Schuler. Er ist Direktor der Inneren Klinik an der Uniklinik Essen und dortiger Leiter der Tumorforschung.

Am 9. Prozesstag am 8. Dezember 2017 legt er die Schwierigkeiten dar, individuelle Krankheitsverläufe bei Krebspatienten vorauszusagen. Immer wieder verweist er auf die Grenzen der medizinischen Nachweisbarkeit.

Es kann nicht eindeutig belegt werden, ob ein ungewöhnlicher Krankheitsverlauf möglicherweise einfach ein Ausnahmefall ist oder aber das Resultat einer Arzneimittelfälschung. Eine Tötungsabsicht zu beweisen, ist daher sehr schwierig.

Das komplette Weglassen eines Wirkstoffs über einen längeren Zeitraum wäre nachweisbar. In den meisten sichergestellten Proben fand sich zumeist jedoch wenigstens ein Teil des Wirkstoffs. Daher kann nicht mit Bestimmtheit festgestellt werden, ob das Sterben von Patienten Folge einer medikamentösen Unterdosierung ist. Nur wenn sich dies nachweisen ließe, könne dem Apotheker eine Tötungsabsicht unterstellt werden.

Es sind auch Patienten verstorben, die den Wirkstoff bekamen. Das macht es so schwer.

Argumentation schadet auch der Verteidigung

Die Argumentation des Gutachters entkräftet sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung.

Die Argumentation des Gutachters entkräftet sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung.

Das Gutachten mag zwar den Nachweis einer Arzneimittelfälschung mit Tötungsabsicht erschweren, es hebelt aber auch eines der stärksten Argumente der Verteidigung aus. Diese verwies am zweiten Prozesstag auf ein „entscheidendes entlastendes Indiz“.

Ihrer Aussage zufolge, hätten mehrere Praxen, die von der besagten Apotheke beliefert wurden, überdurchschnittliche Behandlungserfolge zu verzeichnen. Die Überlebensrate ihrer Krebspatienten sei zum Teil erheblich höher, als internationale Studien verzeichnen, und spräche daher gegen eine Arzneimittelfälschung.

Aber auch hier lässt sich argumentieren, dass Krebserkrankungen unvorhersehbar verlaufen und die angeblichen Behandlungserfolge auf Zufälle zurückgeführt werden könnten.

Die ordnungsgemäße Arzneimittelversorgung, bei der neben der Qualität des Arzneimittels auch seine Wirksamkeit relevant ist, wird durch das Arzneimittelgesetz festgelegt. Dieses ist Bestandteil des Medizinrechts.

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Über Gitte

Gitte hat ihren Master-Abschluss in Germanistik an der Universität Rostock absolviert. In diesem Zusammenhang beschäftigte sie sich auch mit dem Erfassen von politischen Schriften und Gesetzestexten. Besonders im Verkehrs- und Mietrecht ist sie sehr bewandert.

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