Umgangsrecht: Beide Eltern haben Rechte aber zugleich auch Pflichten

Von anwalt.org, letzte Aktualisierung am: 24. August 2020

Beim Wechselmodell leben die Kinder laut Umgangsrecht bei beiden Eltern zu gleichen Teilen.
Beim Wechselmodell leben die Kinder laut Umgangsrecht bei beiden Eltern zu gleichen Teilen.

Das BĂŒrgerliche Gesetzbuch (BGB) legt fest, dass jedes Kind das Recht auf Umgang mit jedem Elternteil hat.

Demnach ist jeder Elternteil – Vater und Mutter – zum Umgang verpflichtet und gleichzeitig berechtigt (§ 1684 BGB). Das Umgangsrecht, umgangssprachlich auch Besuchsrecht, besteht bereits fĂŒr SĂ€uglinge und erstreckt sich bis zur VolljĂ€hrigkeit des Kindes.

Was umfasst das Umgangsrecht?

Maßstab fĂŒr das Umgangsrecht ist das Kindeswohl. Dies ist im Grundgesetz verankert:

(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natĂŒrliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. (Artikel 6 Abs. 2 Satz 1 GG).

Damit ist das Umgangsrecht in der Verfassung niedergeschrieben und geschĂŒtzt. Neben dem Recht und der Pflicht, das Kind zu sehen, muss jeder Elternteil die Entwicklung und das Wohlergehen fördern und die Verbundenheit zwischen Eltern und Kind pflegen. Dazu zĂ€hlen:

  • der persönliche Kontakt, einschließlich des gemeinsamen Urlaubs
  • der Kontakt per Telefon, SMS, E-Mail und Briefpost
  • das Recht, das Kind zu beschenken
  • der Anspruch auf Auskunft ĂŒber die persönlichen VerhĂ€ltnisse des Kindes (§ 1686 BGB)
Beim Residenzmodell leben die Kinder laut Umgangsrecht vor allem bei einem Teil der Eltern.
Beim Residenzmodell leben die Kinder laut Umgangsrecht vor allem bei einem Teil der Eltern.

Außerdem ist der Elternteil, bei dem das Kind weilt, zur persönlichen Betreuung berechtigt.

Dieser entscheidet ĂŒber die ErnĂ€hrung und Pflege des Kindes und den Tagesablauf.

Dazu zĂ€hlen auch beim gemeinsamen Sorgerecht Entscheidungen ĂŒber die Angelegenheiten des tĂ€glichen Lebens (wie Arztbesuche).

Wohlverhaltenspflicht der Eltern

§ 1684 Abs. 2 BGB legt fest, dass es Eltern untersagt ist, dass VerhÀltnis des Kindes zum jeweiligen anderen Elternteil zu beeintrÀchtigen.

(2) Die Eltern haben alles zu unterlassen, was das VerhÀltnis des Kindes zum jeweils anderen Elternteil beeintrÀchtigt oder die Erziehung erschwert. Entsprechendes gilt, wenn sich das Kind in der Obhut einer anderen Person befindet.

Die Eltern sollen die Umgangsbereitschaft des Kindes aktiv fördern. Dazu zĂ€hlt es auch, das Kind beispielsweise zum Bahnhof zu bringen, damit es zum anderen Elternteil fahren kann. Herablassende Äußerungen ĂŒber den anderen sind zu unterlassen und ein Boykott des Umgangs ist den Eltern verwehrt. Auch die Unterhaltspflicht darf nicht verletzt werden, um dem anderen zu schaden.

Umgangsrecht nach der Trennung bzw. Scheidung

In den meisten FĂ€llen gehen Trennungen und Scheidungen mit Streitereien der Eltern einher. Diese belasten vor allem das Kind. Umso wichtiger ist es, dass das Kind zu beiden Elternteilen weiterhin Kontakt hat. Insofern sollten Umgangsregelungen geschaffen werden, die den Eltern aber auch dem Kind Sicherheit bieten.

So kann sich die ganze Familie und insbesondere das Kind an einer Struktur festhalten, bietet doch eine Trennung oder Scheidung der Eltern genug Unruhe. Dabei ist es möglich, eine flexible oder starre Umgangsregelung zu vereinbaren.

Hierbei ist allerdings zu beachten, dass flexible Regelungen eine Kommunikation und Einigkeit der Eltern voraussetzen. Andernfalls sollte die starre Regelung vorgezogen werden. Diese kann auch durch eine Vollstreckung durchgesetzt werden.

Das Familienrecht unterscheidet zwischen zwei starren Umgangsregelungen: dem Residenzmodell und dem echten Wechselmodell. Beim Residenzmodell hat das Kind seinen Lebensmittelpunkt bei dem betreuenden Elternteil. Beim echten Wechselmodell ist das Kind zu gleichen Teilen bei beiden Eltern.

Das echte Wechselmodell

Das Umgangsrecht sieht zwei Modelle vor: Das Residenzmodell und das Wechselmodell.
Das Umgangsrecht sieht zwei Modelle vor: Das Residenzmodell und das Wechselmodell.

In aller Regel wurde bis vor wenigen Jahren das Residenzmodell beim Umgangsrecht gewĂ€hlt. Die MĂŒtter betreuten dann die Kinder, wĂ€hrend das Umgangsrecht fĂŒr die VĂ€ter eingerĂ€umt wurde. In den letzten Jahren wĂ€hlten immer mehr Eltern das Wechselmodell, damit beide einen ausgedehnten Kontakt zu den Kindern haben. Zu unterscheiden sind hier allerdings das echte und das unechte Wechselmodell. Beim echten Wechselmodell verbringt das Kind gleich viel Zeit mit den Elternteilen. Beim unechten Wechselmodell handelt es sich um eine ausgedehnte Umgangsregelung, bei der die Kinder bei einem Elternteil mehr Zeit verbringen als beim anderen.

Um das echte Wechselmodell zu koordinieren, ist eine Kommunikation und Kooperation der Eltern nötig. Ist dies nicht gegeben, kann das Modell nicht praktiziert werden.

Wechselmodell und Kosten

Beim unechten Wechselmodell zahlt der unterhaltsberechtigte Elternteil Unterhalt an den betreuenden Elternteil. WÀhlen die Eltern das echte Wechselmodell, sind beide barunterhaltspflichtig. In der Praxis zahlt jeder den Aufenthalt des Kindes, sodass keine Unterhaltszahlungen an den anderen gehen. Kostspieligere Ausgaben werden entsprechend der EinkommensverhÀltnisse geteilt.

Betreuungsunterhalt kann in diesem Fall entfallen, da das Kind von beiden betreut wird. In diesem Fall kommt auf beide eine Erwerbsobliegenheit zu.

Bei den Wechselmodellen sollte beachtet werden, dass die Kosten höher sind als bei dem Residenzmodell. Braucht das Kind nicht nur in beiden Wohnungen ein Zimmer inklusive Ausstattung, kann es sein, dass auch an jedem Betreuungsort weitere Ausstattungen (Fahrrad, Computer etc.) benötigt werden.

Das Residenzmodell

Beim Residenzmodell („Besuchsrecht vom Vater“) sind einige Dinge zu beachten. WĂ€hrend der betreuende Elternteil den Naturalunterhalt leistet, muss der andere Barunterhalt zahlen. Die Unterhaltszahlungen und weitere Punkte sind sowohl bei einer einvernehmlichen Regelung, wie bei einer gerichtlichen Einigung zu beachten.

Umgangszeiten und Umgangsdauer

Beim Umgang mit dem Kind ist zu beachten, dass eine gemeinsame Vertrauensbasis geschaffen werden soll. Demnach ist bei der Umgangsdauer und der Umgangszeit drauf zu achten, dass Zeit fĂŒr gemeinsame Unternehmungen bleibt. Außerdem ist bei der Planung das Alter des Kindes zu berĂŒcksichtigen.

Folgende Regelungen finden sich hinsichtlich der LĂ€nge des Umgangs:

  • Umgangsrecht bei einem Kleinstkind: einmal wöchentlich, wenige Stunde vor oder nach dem Mittagsschlaf
  • Umgangsrecht bei einem Kleinkind: einmal wöchentlich, bis zu vier Stunden
  • Kinder zwischen zwei bis drei Jahren: 14-tĂ€giges Umgangsrecht von Samstagvormittag bis Sonntagabend
  • Schulkinder: jedes zweite Wochenende von Freitagnachmittag bis Sonntagabend oder Montagmorgen

Muss das Kind lĂ€ngere Strecken zurĂŒcklegen, entfĂ€llt der Umgang am Wochenende und wird auf die Ferien verlegt.

Umgangsrecht an Feiertagen

Um Streit bezĂŒglich des Umgangsrechts zu vermeiden, sollte das Besuchsrecht in einer Vereinbarung geklĂ€rt werden.
Um Streit bezĂŒglich des Umgangsrechts zu vermeiden, sollte das Besuchsrecht in einer Vereinbarung geklĂ€rt werden.

Feiertagsregelungen sind grundsĂ€tzlich den wöchentlichen Regelungen vorrangig. In diesem Fall können die Kinder regelmĂ€ĂŸig alle zwei Tage zwischen 9 und 18 Uhr zwischen den Umgangsberechtigten wechseln.

Umgangsrecht an Heiligabend und Geburtstagen

Was das Recht auf Umgang an „besonderen Tagen“, wie Weihnachten, Silvester oder Geburtstage angeht, ist darauf zu achten, dass jedes Jahr ein Wechsel stattfindet. Verbringt das Kind beispielsweise Heiligabend bei dem einen Elternteil, sollte es Silvester beim anderen verbringen, im darauf folgenden Jahr jeweilig genau umgekehrt.

Auch den eigenen Geburtstag sollte das Kind abwechselnd bei den Elternteilen verbringen. Auch diese Tage betreffend sollte vereinbart werden, dass diese den wöchentlichen Regelungen vorrangig sind.

Umgangsrecht in den Schulferien

Was das Umgangsrecht in den Ferien angeht, so kann das Kind den ersten Ferienblock bei dem Umgangsberechtigten (hĂ€ufig der Vater) verbringen. Den zweiten Block sollte das Kind wieder im gewohnten Umfeld, also beim betreuenden Elternteil (hĂ€ufig die Mutter) verbringen, um sich wieder an den Alltag zu gewöhnen. Maßgebend sind hier die Schulferien, dies gilt auch fĂŒr nicht schulpflichtige Kinder.

Kindern unter 12 Jahren ist es nicht zuzumuten, dass sie lÀnger als 14 Tage vom betreuenden Elternteil entfernt verbringen.

Haben nicht beide Eltern das Sorgerecht inne, so benötigt der Umgangsberechtigte eine Zustimmung fĂŒr (Flug-)Reisen in fremde Kulturkreise oder in LĂ€nder mit politisch instabilen VerhĂ€ltnissen.

Umgangsort

Die Treffen zwischen Kind und Umgangsberechtigtem finden grundsĂ€tzlich in dessen Wohnung statt. Bei kleinen Kindern ist darĂŒber nachzudenken, zu Beginn den Kontakt in der Wohnung des abwesenden betreuenden Elternteils durchzufĂŒhren. Ebenfalls kann dies eine Übergangslösung sein, wenn das Kind krank ist.

Allerdings sind leichte Erkrankungen des Kindes oder Umgangsberechtigten kein Grund, ein Treffen abzusagen. DarĂŒber hinaus darf nur der Umgangsberechtigte entscheiden, wer sich noch in dessen Wohnung aufhĂ€lt oder wen er mit dem Kind besucht. Der betreuende Elternteil hat sich aus diesen Angelegenheiten herauszuhalten.

Ausgefallener Umgang

Besonders die Ferien sollten fĂŒr ein ausgedehntes Besuchsrecht genutzt werden.
Besonders die Ferien sollten fĂŒr ein ausgedehntes Besuchsrecht genutzt werden.

Eine Umgangsvereinbarung sollte sich ebenso mit einem Ausfall eines Treffens befassen. Ist dies im Vorfeld geregelt, kann Streit zwischen den Eltern verhindert werden. DarĂŒber hinaus können sich so beide Seiten sicher sein, dass keiner die Regelungen unterlĂ€uft.

FÀllt an einem Wochenende der Umgang aus, sollte das darauffolgende Wochenende als Ersatztermin dienen. FÀllt in den Ferien ein Umgang aus, so können der nÀchste Aufenthalt entsprechend verlÀngert oder die Tage in den nÀchsten Ferien nachgeholt werden.

Eine Absage sollte nur bei einem triftigen Grund erfolgen, um dem Kind EnttĂ€uschungen zu ersparen. DarĂŒber hinaus kann der Umgangsberechtigte bei stĂ€ndigen Absagen damit rechnen, das Umgangsrecht zu verlieren.

Diese EinschrÀnkungen können vorgenommen werden

Vor allem wenn der betreuende Elternteil auch das alleinige Sorgerecht innehat, kann dieser BeschrÀnkungen aussprechen. Dies gilt vor allem im Bereich der Sicherheit und in Bezug auf dritte Personen.

Umgangsrecht durchsetzen: Jugendamt und Familiengerichte helfen

Um das Umgangsrecht durchzusetzen, kann beim zustÀndigen Jugendamt und Familiengericht um Hilfe gebeten werden. Das Jugendamt bietet eine kostenfreie Beratung hinsichtlich der Durchsetzung von Umgangsregelungen.

DarĂŒber hinaus kann es behilflich sein, AuskĂŒnfte ĂŒber die persönlichen VerhĂ€ltnisse des Kindes zu erlangen. Auch wenn bisher kein Kontakt stattfand, kann das Jugendamt helfen, diesen nun aufzunehmen. Es empfiehlt sich in jedem Fall, mit diesem zusammen zu arbeiten, mangele Kooperation wird vor Gericht regelmĂ€ĂŸig negativ ausgelegt.

Umgangsrecht verweigern: So gehen Sie dagegen vor

In der Praxis kommt es hĂ€ufiger vor, dass der betreuende Elternteil das Umgangsrecht fĂŒr das Kind dem anderen verweigert. Dagegen kann sich allerdings der Umgangsberechtigte zur Wehr setzen.

Vermittlungsverfahren des Familiengerichts

Das Jugendamt kann helfen, das Umgangsrecht durchzusetzen.
Das Jugendamt kann helfen, das Umgangsrecht durchzusetzen.

GemĂ€ĂŸ § 165 Abs. 1 FamFG kann auf Antrag ein Familiengericht vermitteln. Das Gericht beraumt dann einen Vermittlungstermin an, an dem die Eltern und das Jugendamt teilnehmen. Es wird dann versucht, eine einvernehmliche Entscheidung herbeizufĂŒhren.

Erscheint ein Elternteil nicht oder ist keine Einigung in Sicht, so verkĂŒndet das Gericht einen nicht anfechtbaren Beschluss.

Anordnung einer Umgangspflegschaft

Das Familiengericht hat die Möglichkeit, eine Pflegschaft fĂŒr die DurchfĂŒhrung des Umgangs anzuordnen. Dies geschieht, wenn ein Elternteil seine Wohlverhaltenspflicht dauerhaft oder wiederholt in schwerem Maße verletzt. Nach § 1684 Abs. 3 BGB hat der Umgangspfleger das Recht, das Kind abzuholen und zum anderen Elternteil zu bringen, damit der Umgang durchgefĂŒhrt werden kann. DarĂŒber hinaus vermittelt der Umgangspfleger zwischen den Eltern und regelt die UmgangsmodalitĂ€ten mit ihnen. Wird ein solcher Pfleger bestellt, wird das Sorgerecht der Eltern bzw. des Elternteils eingeschrĂ€nkt (§ 1630 Abs. 1 BGB).

VerhÀngung von Ordnungsmitteln und sonstigen Sanktionen

VerstĂ¶ĂŸt ein Teil gegen gerichtlich angeordnete Regelungen, kann ein Ordnungsmittel (Ordnungsgeld und –haft) verhĂ€ngt werden (§§ 89 ff. FamFG).

Boykottiert ein Elternteil das Umgangsrecht, kann dies zu EinschrĂ€nkungen fĂŒhren. So kann beispielsweise der Ehegattenunterhalt bzw. Betreuungsunterhalt gekĂŒrzt werden. Im schlimmsten Fall droht ein Entzug des Sorgerechts.

Umgangsrecht fĂŒr die Großeltern: Die Voraussetzungen

GrundsĂ€tzlich ist es denkbar, dass auch die Großeltern und Geschwister umgangsberechtigt sind. Dies kann umgesetzt werden, wenn bisher ein regelmĂ€ĂŸiger Kontakt bestand. DarĂŒber hinaus kann auch ein Umgangsrecht fĂŒr Bezugspersonen bestehen, die mit dem Kind in einer hĂ€uslichen Gemeinschaft lebten oder leben (§ 1685 BGB). Außerdem gelten auch leibliche, aber nicht rechtliche VĂ€ter als Bezugsperson sowie Tanten und Onkel, wenn eine Beziehung zum Kind besteht.

Auch ein Umgangsrecht fĂŒr Großeltern kann eingerĂ€umt werden.
Auch ein Umgangsrecht fĂŒr Großeltern kann eingerĂ€umt werden.

GrundsĂ€tzlich ist allerdings das Umgangsrecht der Eltern gegenĂŒber dem der anderen vorrangig. DarĂŒber hinaus macht eine Umgangsregelung fĂŒr andere Bezugspersonen nur Sinn, wenn ein Elternteil seines nicht ausschöpft. Denkbar ist das beispielsweise fĂŒr Großeltern vĂ€terlicherseits, weil der Vater vom Umgang ausgeschlossen ist.

Es widerspricht dem Kindeswohl, wenn genannte Bezugspersonen sich in die Beziehung zu den Eltern oder einem Elternteil einmischen. Der Umgang kann dann ausgeschlossen werden.

Es gelten also fĂŒr diese Bezugspersonen die gleichen Grundregeln wie fĂŒr Eltern: Das Kindeswohl steht im Mittelpunkt.

Umgangsrecht einklagen

Helfen GesprĂ€che beim Jugendamt nicht, kann das Familiengericht angerufen werden. Dann kann dieses den Umgang gemĂ€ĂŸ Familienrecht regeln. Möglich ist es auch, dass Auflagen zur EinschrĂ€nkung verhandelt werden oder das Umgangsrecht ganz auszuschließen.

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