Der Videobeweis: Ein Versuch, den Fußball gerechter zu machen

Von anwalt.org, letzte Aktualisierung am: 21. August 2020

Durch den Videobeweis sollen offensichtliche Fehlentscheidungen verhindert werden.
Durch den Videobeweis sollen offensichtliche Fehlentscheidungen verhindert werden.

Der Fußball ist längst zu einem Milliardengeschäft geworden. Einzelne Tore können Auf- oder Abstiege besiegeln oder Finalspiele entscheiden. Da ist es natürlich ärgerlich, wenn die Torerzielung nicht regelkonform war.

Um den Fußball in diesem Punkt gerechter zu machen, wurde in Deutschland zur Saison 2017/2018 der Videobeweis eingeführt. In der zweiten Bundesliga findet dieser seit der Saison 2019/2020 Anwendung.

Doch wie genau funktioniert der Videobeweis eigentlich? Welche Regeln gelten für den Videoschiedsrichter? Warum sorgt der Videobeweis immer wieder für kontroverse Diskussionen? Diesen Fragen geht der nachfolgende Ratgeber auf den Grund und informiert Sie umfassend.

FAQ: Videobeweis

In welchen Ligen gibt es den Videobeweis?

Der Videobeweis wird in allen europäischen Topligen genutzt. In Deutschland findet er seit der Saison 2019/2020 auch in der zweiten Bundesliga Anwendung. Zudem wird der Video Assistant Referee (VAR) auch im DFB-Pokal sowie den internationalen Pokalwettbewerben (Champions und Euro League) eingesetzt. Der VAR ist allerdings kein Teil des Sportrechts.

Bei welchen Spielsituationen darf der Videoassistent in der Bundesliga eingreifen?

Ein Eingriff durch den VAR soll bei klaren und offensichtlichen Fehlentscheidungen in den folgenden vier Fällen erfolgen: Torerzielung, Elfmeter, Platzverweis sowie Verwechslung eines Spielers.

Welche Vor- und Nachteile bietet der Videobeweis für den Fußball?

Hier finden Sie eine Auflistung der Vor- und Nachteile, welche der Videobeweis nach aktueller Verwendung bietet.

Warum wurde der Videobeweis in Bundesliga & DFB-Pokal eingeführt? 

Während der Relegation kann der Videobeweis ggf. beeinflussen welches Team auf- bzw. absteigt.
Während der Relegation kann der Videobeweis ggf. beeinflussen welches Team auf- bzw. absteigt.

Das Wembley Tor, Phantomtore, Schwalben, die zu einem unberechtigten Strafstoß geführt haben – in der langen Geschichte des Fußballs gab es schon zahlreiche Fehlentscheidungen seitens der Unparteiischen, die den Ausgang des Spiels maßgeblich beeinflusst haben.

Um dieser Ungerechtigkeit entgegenzuwirken, wurde zur Saison 2017/2018 der sogenannte Videobeweis in der ersten Bundesliga eingeführt. Mittlerweile findet dieser in allen großen europäischen Ligen Anwendung und wird auch bei den internationalen Pokalwettbewerben genutzt.

Das Schiedsrichtergespann auf dem Platz wird fortan durch den VAR ergänzt. Dieser kann bei klaren und offensichtlichen Fehlentscheidungen eingreifen. Dadurch soll der Fußball, in dem es nicht selten um Millionen geht, insgesamt gerechter gemacht werden.

Übrigens: Im Rahmen von Länderspielen wurde der Videobeweis zur Weltmeisterschaft in Russland im Jahr 2018 eingeführt und soll auch fortan für die Turniere genutzt werden.

Wann darf der Videoschiedsrichter eingreifen? 

Viele Fans haben vor der Einführung vom Videobeweis befürchtet, dass jegliche Spielsituation zukünftig überprüft wird. Dies ist allerdings nicht Sinn der zusätzlichen Überprüfung durch den vierten Offiziellen.

Es gibt viel mehr klare Regeln, bei welchen Spielsituationen der VAR eingreifen darf. Nach Angaben vom Deutschen Fußball Bund (DFB) besteht diese Möglichkeit in den nachfolgenden vier Fällen:

  • Torerzielung: Kam es im Vorfeld einer Torerzielung zu einem Regelverstoß, beispielsweise durch ein Foulspiel oder eine Abseitsstellung, kann der VAR den Schiedsrichter auf diesen Umstand aufmerksam machen.
  • Elfmeter: Wurde ein Strafstoß zu Unrecht gepfiffen oder hat der Unparteiische ein Foulspiel nicht erkannt, kann diese Entscheidung durch den Videobeweis korrigiert werden.
  • Rote Karte: Wurde ein Vergehen falsch geahndet oder gar vom Schiedsrichter übersehen, kann sich der Videoassistent einschalten und darauf hinweisen.
  • Spielerverwechslung: Im Eifer des Gefechts kann es schon einmal dazu kommen, dass der Schiedsrichter dem falschen Spieler eine Karte zeigt. Auch diese Fehlentscheidung kann durch den Videobeweis korrigiert werden.

Ausgenommen von einer Überprüfung durch den VAR sind hingegen Freistöße, Einwürfe oder Eckbälle. Der DFB gibt auf der eignen Webseite zum Videobeweis weiterhin an:

Voraussetzung für ein Eingreifen des Video-Assistenten ist jeweils, dass nach seiner Einschätzung eine klare und offensichtliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters auf dem Platz vorliegt. Ist eine solche, klar falsche Wahrnehmung des Schiedsrichters auf dem Platz nicht gegeben, darf der Video-Assistent nicht eingreifen. Der Video-Assistent ist also nicht dazu da, eine bessere Entscheidung zu finden. Auch wird es weiterhin Szenen geben, die nicht eindeutig aufzulösen sind. Der Video-Assistent soll den Fußball ein Stück weit gerechter machen.

Wie läuft die Kommunikation zwischen Schiedsrichter und VAR ab?

Ein Videobeweis ist beim Fußball zum Beispiel möglich, wenn es vor der Torerzielung zu einem Foul kam.
Ein Videobeweis ist beim Fußball zum Beispiel möglich, wenn es vor der Torerzielung zu einem Foul kam.

Doch wie läuft das Eingreifen durch den Videobeweis auf dem Platz konkret ab? Zunächst muss einer der vier vorab beschriebenen Fälle eintreten. Nehmen wir also einmal die Torerzielung als Beispiel: Ein Spieler erzielt einen Treffer, der von den Unparteiischen auf dem Platz als solcher anerkannt wird.

Dem VAR fällt allerdings nach Sichtung der Fernsehbilder auf, dass der betreffende Spieler den Ball vor dem Tor mit der Hand berührt hat. Gemäß Regelwerk darf der Treffer in einem solchen Fall nicht zählen. Per Funk nimmt der VAR dann Kontakt zum Spielleiter auf und erläutert diesem seine Einschätzung der Dinge.

Der Schiedsrichter auf dem Platz kann seine eigene Entscheidung dann revidieren oder sich die entscheidende Szene in der sogenannten Review-Area erneut ansehen. Es handelt sich dabei um einen Monitor, der am Spielfeldrand aufgestellt ist. Auf diesem wird die jeweilige Szene eingespielt, welche zur Entscheidung durch den VAR geführt hat.

Gut zu wissen: Der Videobeweis wird nicht im Stadion selbst durchgeführt. Der Videoschiedsrichter sitzt im sogenannten Kölner Keller. Dort befindet sich das Video-Assist-Center. Kommt es zu einer strittigen Szene, erhält der VAR alle zur Verfügung stehenden Kameraperspektiven, um die Spielsituation verlässlich einschätzen zu können.

Die kalibrierte Abseitslinie: Im Zweifel für die Technik

Die obere Entscheidungsgewalt liegt trotz Videobeweis stets bei dem Schiedsrichter, der das Spiel auf dem Platz leitet. So kann es durchaus zu unterschiedlichen Auffassungen zwischen dem leitenden Unparteiischen und dem VAR in verschiedenen Spielszenen kommen.

Bei einer Spielsituation wird allerdings keine menschliche Beurteilung zu Grunde gelegt. Kommt es zu einer Abseitsstellung, wird diese durch eine kalibrierte Linie nachgewiesen. Der DFB beschreibt die Überprüfung einer Abseitssituation auf der eigenen Webseite wie folgt:

[…]Optimale technische Vorbereitungen bei jedem einzelnen Bundesliga-Spiel und hohe Regelkenntnisse der Video-Assistenten auch bei schwer zu beurteilenden Situationen ergeben eine bestmögliche Basis für die Nutzung der kalibrierten Abseitslinie. Unterstützung bietet bei besonders knappen Szenen zudem die Möglichkeit einer 3D-Ergänzung zur Abseitslinie unter Zuhilfenahme eines Lots. Im Falle der Überprüfung einer Abseitssituation durch den Video-Assistenten wird eine Grafik mit Abseitslinie im TV-Basissignal gezeigt.

Videobeweis: Statistik zum Eingreifen des VAR in Deutschland

Der DFB wertet den Videobeweis grundsätzlich als Erfolg.
Der DFB wertet den Videobeweis grundsätzlich als Erfolg.

Aus offiziellen Statistiken des DFB zum Videobeweis geht hervor, dass in der Hinrunde der Saison 2019/2020 insgesamt 53 Fehlentscheidungen durch das Einschreiten vom Videoschiedsrichter verhindert werden konnten.

In den 153 Spielen der Hinrunde wurden insgesamt 844 Situationen überprüft. Dabei liefen 583 Überprüfungen ohne Kommunikation mit dem Schiedsrichter auf dem Platz ab. In 200 Fällen gab es Kontakt über Funk, 61 Mal kam es zu einer Intervention.

Insgesamt zieht der DFB ein positives Fazit aus dieser Statistik zum Videobeweis. Das einzige Problem: Es dauerte im Durchschnitt rund 79 Sekunden, bis eine Entscheidung getroffen wurde. In der Vorsaison waren es noch 61 Sekunden durchschnittlich.

Interessant: Auch in anderen Sportarten kommt der Videobeweis zum Einsatz. Allerdings herrschen dort durchaus andere Konzepte. So ist es beispielsweise bei Spielen in der National Football League (NFL) möglich, dass die Trainer des jeweiligen Teams einen Videobeweis (eine Challenge) per roter Flagge anfordern. Die Schiedsrichter müssen sich dann den entsprechenden Spielzug noch einmal anschauen und die Spielsituation anhand der TV-Bilder bewerten.

Videobeweis: Pro und Contra 

Der Einsatz vom Videobeweis wird immer wieder kontrovers diskutiert. Wir liefern Ihnen einen Überblick der Argumente, die für, aber auch gegen den Videobeweis sprechen.

  • Pro Videobeweis: Der Fußball wird dadurch gerechter, da offensichtliche Fehlentscheidungen so korrigiert werden, die Abläufe werden stetig verbessert, der Videobeweis nimmt Druck von den Linienrichtern, die im Zweifelsfall eine Szene nach einer Abseitsstellung weiterlaufen lassen können
  • Contra Videobeweis: Nicht immer ist eine klare Linie bei den Entscheidungen zu erkennen, es kommt trotz Videobeweis zu Fehlentscheidungen, der Spielfluss wird durch die Kommunikation mit dem Videoschiedsrichter gestört, der Torjubel erfolgt zunächst unter Vorbehalt, der Zuschauer im Stadion weiß nicht, welche Szene gerade überprüft wird

Kommentar: Schafft den Videobeweis endlich wieder ab!

Im Stadion sehen die Fans nur den Hinweis „VAR“, warum der Videoschiedsrichter eingreift, bleibt aber teilweise unklar.
Im Stadion sehen die Fans nur den Hinweis „VAR“, warum der Videoschiedsrichter eingreift, bleibt aber teilweise unklar.

Ich bin ganz klar dafür, den Videobeweis wieder abzuschaffen. Im Großen und Ganzen konnten durch den VAR einige Fehlentscheidungen revidiert werden, was den Fußball vielleicht wirklich ein Stück weit gerechter macht. Aber das geht auf Kosten der Emotionen.

Du stehst als Fan im Stadion, dein Team erzielt das Tor – alle rasten aus. Und dann die beklemmende Stille, wenn du auf der Anzeigetafel siehst, dass sich der VAR eingeschaltet hat. Du wartest gefühlt Stunden, bis dann endlich mal eine Entscheidung verkündet wird. Egal wie diese am Ende ausfällt, das ist einfach nur nervig.

Noch schlimmer ist es fast, das Spiel vor dem Fernseher zu verfolgen. Als TV-Zuschauer kannst du dir wenigstens anschauen, welche Szene denn gerade überprüft wird. Da kommt hier und da schon die Frage auf, was manche Videoassistenten eigentlich als „klare und offensichtliche“ Fehlentscheidung sehen. Früher gab es mal die Tatsachentscheidung und das war auch gut so.

Faszinierend ist außerdem, wie lange es bei teils offensichtlichen Szenen dauert, bis sich die Beteiligten mal zu einer Entscheidung durchringen können. Die Krönung findet das Ganze, wenn es um die Entscheidung Abseits oder nicht geht.

Das Erstellen der viel bejubelten kalibrierten Linie nimmt teilweise so viel Zeit in Anspruch, dass diese Technik doch zumindest angezweifelt werden kann. „Im Zweifel für den Angreifer“ gilt auch nicht mehr, jegliches Tor wird aberkannt, wenn der Spieler auch nur einen Millimeter im Abseits stand.

Insgesamt führt der Videobeweis zu unnötigen Unterbrechungen, ist wenig transparent und macht die Stimmung kaputt. In der jetzigen Form gehört der Videobeweis ganz klar abgeschafft. Ein Modell, wie es in der NFL praktiziert wird, könnte hingegen sinnvoll sein. So wären maximal vier Unterbrechungen bzw. Überprüfungen durch den VAR im Spiel möglich.

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Der Videobeweis: Ein Versuch, den Fußball gerechter zu machen
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